susana noguero, olivier schulbaum

Interview zu AIRE INCONDICIONAL

zŸrich | 08 2004

Das von Kora Rot gefŸhrte Interview wurde unter dem Titel ÒSorry We Are OpenÓ publiziert im Jahrbuch

2004 der Shedhalle.

 

 

Platoniq definiert sich selber als ein ko-operatives kulturelles System, eine Plattform fŸr Projekte, die Neue

Medien mit gesellschaftlichen Themen verbinden. Ihr steht fŸr Projekte, welche Kommunikationsmedien

als Werkzeuge zur Fšrderung von selbstorganisierter Kultur und zur freien Verbreitung und Gebrauch von

Ideen/Inhalten nutzen. Die Grundlage fŸr Eure medienkulturelle Praxis ist die Vernetzung mit anderen

Medienaktivist/innen, mit Institutionen und marginalisierten sozialen Gruppen. Was hat Euch bewogen,

in ZŸrich eine Ausstellung Ÿber sŸdeuropŠische Medienstrategien zu zeigen?

 

Olivier Schulbaum: Ausgangspunkt war die Idee der taktischen MobilitŠt: Peer-to-Peer (ein dezentrales

Netzwerk, welches seinen Benutzer/innen erlaubt, untereinander Inhalte auszutauschen) haben wir versucht

in einer Ausstellung als Face-to-Face umzusetzen: Wir wollten einen Austausch und einen Vergleich

von Inhalten, Strategien und Methodologien der Medienkultur des SŸdens und des Nordens. Es ging uns

dabei aber nicht nur um die Verteilung und den Austausch von unterwegs gesammelten Inhalten. Es ging

uns auch nicht nur um die Fšrderung der Idee der offenen Lizenzen fŸr kulturelle Inhalte, sondern auch

um den Aufbau von Kontakten zu den jeweiligen lokalen Akteur/innen, Initiativen, Musiker/innen und

Medienaktivist/innen. Wir wollten erreichen, dass sie ihre Archive und Inhalte austauschen und von ihren

spezifischen Erfahrungen und Strategien und den Bedingungen ihrer Arbeit erzŠhlen, wie wir das mit der

Ausstellung versucht haben.

Susana Noguero: †ber das Zusammentreffen von Personen in einem physischen Ort lassen sich Situationen

fŸr den Austausch, die Vernetzung und die Kollaboration schaffen, die sich im Nachhinein zwar mittels

Internet ergŠnzen und vertiefen lassen, die aber nicht durch einen ausschlie§lich virtuellen Kontakt

ersetzt werden kšnnen.

 

AIRE INCONDICIONAL war ja nicht nur ein Ausstellungsprojekt: Ihr habt die Ausstellung mobil gestaltet

und habt in verschiedenen Schweizer StŠdten den Kontakt zu Leuten gesucht, die sich fŸr Šhnliche

Themen interessieren.

Olivier Schulbaum: Im Zusammenhang mit den Themen der Ausstellung (Migration, Enteignung des

šffentlichen Raumes und Technologie), wurde ein Teil von AIRE INCONDICIONAL als Wanderausstellung

konzipiert. Um einen Austausch zwischen den ÔausgestelltenÕ (sŸdeuropŠischen) Gruppen und der

lokalen Szene zu ermšglichen, wurde eine Tournee durch verschiedene Schweizer StŠdte organisiert. DafŸr

haben wir eine mobile Ausgabe der Ausstellung AIRE INCONDICIONAL gestaltet, die aus einer

ergŠnzbaren Zusammenstellung des Inhaltes sowie aus PrŠsentationen, Aktionen und Workshops bestand.

Kšnnt ihr die Themen von AIRE INCONDICIONAL kurz umrei§en? Welches waren fŸr Euch die

wichtigsten Themen?

Susana Noguero: Mit AIRE INCONDICIONAL haben wir versucht, unterschiedliche Positionen und kritische

Konzepte von Aktivist/innen, Communities und KŸnstler/innen zu prŠsentieren. In diesen Positionen

spiegeln sich fŸr uns beispielhaft die verschiedenen Medientaktiken, die vor dem Hintergrund der

sŸdeuropŠischen Geschichte und Kultur in den letzten Jahren entstanden sind. Sie setzen sich thematisch

136 mit den Folgen der Globalisierung, Grenz- und Migrationspolitik und mit der informationellen Revolution

auseinander. Wir wollten einen experimentellen Umgang mit Medientechnologien und mit der

Verbindung von Kunst, Politik und Medien zeigen.

Olivier Schulbaum: Mit AIRE INCONDICIONAL haben wir unterschiedliche Formen und Formate

untersucht: von audiovisuellen Projektdokumentationen und Medientaktiken bis Installationen; von Interventionen

im šffentlichen Raum bis Worksessions und VortrŠgen; von der kostenlosen Distribution von

Musik, Video und Text unter freier Lizenz bis Performances vor Ort.

 

Welches waren denn die Medientaktiken, die ihr in der Ausstellung konkret thematisiert habt?

Susana Noguero: Ein Thema war zum Beispiel die ÔVirtualisierung von GrenzenÕ. Gleich mehrere Projekte,

die wir in der Ausstellung gezeigt haben, haben sich kritisch mit Grenz- und Migrationspolitik

auseinandergesetzt. Rotor, eine Gruppe aus Barcelona, haben zum Beispiel ein Handbuch fŸr den Bau von

ÔPaterasÕ (Von Marokkanern benutzte Boote zur illegalen †berquerung der Stra§e von Gibraltar.)

geschrieben. In der Ausstellung konnten sich die Besucher/innen das Handbuch anschauen und es

kopieren und mitnehmen. Die Besucher/innen konnten dann aber in einem Workshop diese ÔPateraÕ aus

Abschrankungsteilen, die Rotor auf Baustellen in ZŸrich eingesammelt hatten, auch gleich bauen und auf

dem ZŸrichsee ausprobieren. Andere Gruppen haben sich mit den Grenzgebieten der EuropŠischen Union

auseinandergesetzt und haben die Lebensbedingungen in diesen Gebieten fŸr die Ausstellung dokumentiert.

Wir wollten zeigen, dass die neuen Technologien auch die Mšglichkeit bieten kšnnen, dass sich

Migrant/innen und Minderheiten in SŸdeuropa vernetzen und sichtbarer werden.

Olivier Schulbaum: Ein gro§es Thema der Ausstellung war sicher auch die Fšrderung einer freien Wissens-

und Informationskultur. Es gab einige Projekte, welche die Idee einer alternativen Vorstellung von

Copyright und Urheberrechten thematisiert haben: Jaromils Dyne:bolic (Dyne:bolic ist eine gratis

Linuxdistribution mit integriertem Streamingserver) zum Beispiel oder al-Jwarizmi eine frei kopierbare

Software, die vom Kollektiv Hackitectura fŸr die dezentralisierte Verbreitung von Multimedia-Inhalten

entwickelt wurde. Die Idee einer offenen Informations- und Vertriebskultur war aber schon ins Format

der Ausstellung selbst eingeschrieben: Alle Ausstellungsinhalte verstanden sich als Angebot zu einem

Copy-Paste, sollten also von den Besucher/innen kopiert, mitgenommen und wiederverwendet werden.

 

Habt ihr diese Idee des ÔCopy-PasteÕ in der Ausstellung formal unterstŸtzt? FŸr die Besucher/innen ist es

ja nicht selbstverstŠndlich, dass sie die Exponate einer Ausstellung einfach mitnehmen oder kopieren kšnnen.

Olivier Schulbaum: Ja, ich glaube es war fŸr die Besucher/innen sehr ungewohnt, dass sie einfach alles

mitnehmen konnten. Wir haben versucht, die Ausstellung sehr einfach und mobil zu halten, um die

Besucher/innen nicht von diesem ÔMitnehmenÕ der Ausstellung abzuschrecken. Anstelle von WŠnden

haben wir zum Beispiel BŠnder aus Klettverschluss gespannt und haben die Bilder, CDs, Videos, Texte

etc. ebenfalls mit Klettverschluss versehen. Alle Exponate konnten also abgenommen, kopiert und wieder

hingehŠngt werden. Zudem haben wir von allen Texten, Bildern, CDs etc. mehrere Versionen gemacht,

damit klar wird, dass sie mitgenommen werden kšnnen. Au§erdem gab es auch eine ÔKopierstationÕ, also

einen Computer mit Drucker, Scanner und CD-Brenner, auf dem alle Inhalte der Ausstellung, unser

Musik- und Videoarchiv, etc. enthalten waren. So konnten sich die Besucher/innen auch selber eine

ma§geschneiderte Daten-CD brennen oder ein Bild ausdrucken, das ihnen gefiel. 137

Susana Noguero: Die Idee, dass die Besucher/innen wirklich mit der Ausstellung interagieren konnten,

war uns sehr wichtig. Wir haben versucht, diese Idee auch dadurch zu unterstŸtzen, dass wir eine Art

ÔPonchoÕ in der Ausstellung hatten, den sich die Besucher/innen der Ausstellung anziehen konnten. Der

Poncho sollte aber nicht nur ein wŠrmendes †bergewand sein, sondern hatte viele aufgenŠhte Taschen, die

man sich mit den beim Anschauen der Ausstellung gesammelten Dingen fŸllen konnte. Die Idee fŸr den

Poncho ist angelehnt an die Decken, auf welchen die illegalen Einwanderer in Spanien ihre Raub-CDs

und andere Waren am Strand anbieten und sollte nochmals dieses Nomadische, Mobile der Ausstellung

betonen. Diese Decke als eine Ikone des RaubgeschŠftes haben wir in AIRE INCONDICIONAL

sozusagen als Katalog zur Ausstellung verkauft. Die Besucher/innen mussten den ÔKatalogÕ aber selber

fŸllen.

 

Ihr habt das ganze Projekt AIRE INCONDICIONAL einer offenen Lizenz unterstellt, die ihr zusammen

mit Abel Garriga, einem Anwalt aus Barcelona erarbeitet habt. Kšnnt ihr die Idee dahinter ein bisschen

genauer erklŠren?

Olivier Schulbaum: Wir wollten schon lange eine offene Lizenz haben fŸr unsere Projekte, aber am liebsten

natŸrlich in Spanisch, denn in Englisch gibt es schon einige solcher Texte, aber die sind nicht auf

unsere BedŸrfnisse angepasst. Unser Ziel war es, einen leicht verstŠndlichen, trotzdem aber rechtsgŸltigen

Text zu schreiben, der in Form einer Lizenz die Rechte an unseren Arbeiten regelt. Viele Leute in Spanien

und Lateinamerika kšnnen zum Beispiel kein Englisch, oder nicht gut genug, um einen juristischen Text

zu verstehen. Deshalb wollten wir den Text unbedingt in Spanisch haben.

Susana Noguero: Die erste Version der Lizenz hat bereits regen Anklang gefunden - vor allem in

Lateinamerika. Es gibt unterdessen schon verschiedene verŠnderte Versionen des Textes, die Leute haben

den Text ihren BedŸrfnissen angepasst. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass die Idee der freien Nutzung

von Inhalten verbreitet werden kann. Aber dazu mŸssen die Leute auch Zugriff auf die Lizenzen haben.

Dies ist aber nur mšglich, wenn die Texte einfach sind und es sie in allen Sprachen gibt.

 

Seid ihr rŸckblickend mit AIRE INCONDICIONAL zufrieden? Hat zum Beispiel der Austausch mit

lokalen Gruppen funktioniert?

Susana Noguero: Ja, der Austausch und die Zusammenarbeit mit den lokalen Gruppen hat gut funktioniert.

Einen Teil der Workshops und Veranstaltungen in ZŸrich haben wir zum Beispiel au§erhalb der

Shedhalle gemacht, in der RŸdigerstra§e. Das war natŸrlich ideal, weil es da bereits ein offenes Medialab

gab und wir viele Leute kennen gelernt haben. Wir haben auch alle im Squathotel an der RŸdigerstra§e

gewohnt – besser konnte es uns gar nicht gehen!

Olivier Schulbaum: NatŸrlich wŸrden wir rŸckblickend vielleicht dies und das anders machen. Viele

Besucher/innen der Ausstellung haben gewisse Teilprojekte nicht verstanden zum Beispiel. Aber das ist oft

die Schwierigkeit bei Medienkultur-Projekten: Die Leute wollen nicht einen dreiseitigen Text lesen, um

das Projekt zu verstehen. Aber ich glaube die Leute haben das Angebot, sich die Ausstellungsinhalte, die

ihnen gefallen haben mitzunehmen, rege genutzt.

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Und was macht Platoniq jetzt?

Olivier Schulbaum: Unser aktuelles Projekt hei§t SUBKULTOURIST: Wir planen eine Tournee mit einer

mobilen Einheit durch Europa und wollen so offene/freie Inhalte im urbanen šffentlichen Raum verschiedener

europŠischer StŠdte austauschen. In jeder besuchten Stadt wird die mobile Einheit aufgebaut

und die Leute werden dazu eingeladen, die von uns mitgebrachten Inhalte mitzunehmen/zu kopieren und

eigene Inhalte in die mobile Systemeinheit einzuspeisen. Das Ziel ist die Vernetzung zwischen dem medialen

Raum, der in diesem Fall aus den archivierten Files besteht, und dem physischen Raum der StŠdte.

Aus den Events und den Kollaborationen, die sich an jedem Ort der viermonatigen Tour ereignen, entsteht

ein Mapping und eine Dokumentation einer vernetzten selbsorganisierten Kulturszene.

Susana Noguero: Indem wir den virtuellen, medialen Raum in die Stra§e tragen, wollen wir die neuen

Produktions- und Distributionsweisen von Inhalten, die durch das Internet entstanden sind, sichtbar

machen. Das Ziel ist es, Medienstrategien in den urbanen Raum zu Ÿbertragen, also die gleichen Formen

der unabhŠngigen und freien Distribution, Produktion und Kollaboration im šffentlichen Raum zu

suchen. Wir wŸrden gerne die ganze Tournee filmen – es soll sozusagen ein Roadmovie zur Tournee

geben.

 

Kommt ihr mit SUBKULTOURIST auch nach ZŸrich?

Susana Noguero: Wir haben wahrscheinlich fŸr die Tournee noch ein bisschen mehr Material dabei als

fŸr AIRE INCONDICIONAL – und schon letztes Mal haben wir bei der Einreise in die Schweiz am Zoll

in Genf sehr direkt und eindrŸcklich das Konzept ÔGrenzeÕ nŠhergebracht bekommen!

Olivier Schulbaum: Und wir konnten unsere alternativen Strategien zur †berwindung von Grenzen 1:1

in Echtzeit erproben! Sechs Stunden lang!

Susana Noguero: Aber es hat sich gelohnt. Und wir kommen wieder!