Shedhalle,
ZŸrich:
AIRE
INCONDICIONAL. Das Auftauchen von community-basierten
und
migrantischen e-Strategien in SŸdeuropa (Q.E.D.)
Kurator/innen:
Susana Noguero, Olivier Schulbaum
14.02.
- 04.04.2004
1.
Kurzbeschreibung
AIRE
INCONDICIONAL prŠsentierte aktivistische und kŸnstlerische Medientaktiken, die
aus einem Òspezifisch sŸdeuropŠischen Kontext hervorgegangen sindÓ15. Die Ausstellung und in ihrem Umfeld
stattfindende diskursive Veranstaltungen, Workshops und Demonstrationen waren
entlang von vier ThemenstrŠngen gruppiert: ÔTaktische MedienÕ (entlang der
Fragestellung, mittels welcher mobiler Medientaktiken eine ÔRepolitisierung des
šffentlichen RaumesÕ erreicht werden kšnnte), ÔVirtualisierung von GrenzenÕ (Fšrderung
des Entstehens von community-basierten und migrantischen e-Strategien durch
Anregung des Diskurses Ÿber die Virtualisierung von politischen und kulturellen
Grenzen), ÔMigration und GrenzpolitikÕ
(Ÿber
Mšglichkeiten, die sich aus den neuen Technologien fŸr die soziale und
kulturelle ReprŠsentation von Migrant/innen und Minderheiten in SŸdeuropa
ergeben), ÔFreie Wissens- und InformationskulturÕ (Ÿber verschiedene
Alternativen zu Copyright und durch sie ermšglichte Distributionsstrukturen).
Vertreten
waren Projekte von KŸnstler/innen und Gruppen primŠr aus Spanien, aber auch aus
Italien, Portugal und Frankreich. Teile der Ausstellung waren mobil und wurden
zusŠtzlich zur Hauptausstellung in der Shedhalle ZŸrich auch in Lugano, Genf
(Espace Forde16) und Basel (plug.in17) gezeigt.
KŸnstler/innen:
Hackitectura / Al-jwarizmi (Spanien/Marokko), El Perro (Spanien), Jordi Mitjˆ
(Spanien), Platoniq.net (Spanien), Alku (Spanien), AAA. Corp (Frankreich), 0100101110101101.org
(Italien), Frontera Sur RVVT [Helena Maleno, Alex Mu–oz, Ursula Biemann, Angela
Sanders, Valeriano L—pez and Regula Burri] (Spanien/Schweiz), Enrique Radigales
(Spanien), Jaromil (Italien), Rotor [Laia Sadurni, Vahida Ramujkic, Ana Serrano
und Marcello Arosio] (Spanien), ZŽ dos bois (Portugal), Sitesize.net (Spanien)
2.
Evaluation
politischer
Ansatz
Der
politische Ansatz liegt in der VerknŸpfung dreier Aspekte: 1) der BŸndelung
verschiedener Projekte, die sich primŠr mit Fragen von Migration und
Grenzregime auseinandersetzen, 2) ein Ausstellungskonzept, das auf dem Ansatz
von Copyleft basiert, 3) die Zielsetzung, durch das Projekt Mšglichkeiten fŸr
eine aktive Vernetzung sowohl zwischen den prŠsentierten Projekten/Gruppen als
auch zwischen diesen und der Schweizer (bzw. im weiteren Sinn ÔnordeuropŠischenÕ)
Szene zu schaffen.
Partizipation
Partizipative
AnsŠtze sind einerseits durch die Workshops gegeben, die teils praktisch
orientiert sind (streaming media) und teils ÔsymbolischÕ/ÔerkenntnisorientiertÕ
(Bau von ÔPaterasÕ, also Booten, die zur illegalen Durchquerung der Stra§e von Gibraltar
benutzt werden18). In der Ausstellung finden
sich partizipative Elemente im Sinne einer aktiven ÔRezeptionÕ, primŠr im
Zusammenhang mit dem Ansatz ÔFreie Wissens- und InformationskulturÕ. Hier
wurden einerseits inhaltliche Projekte zu Alternativen zum Copyright prŠsentiert,
und gleichzeitig eine Òoffene Informations- und Distributionskultur dem Format
der Ausstellung direkt eingeschriebenÓ19:
Die Inhalte verstehen sich als Angebot zum Copy-Paste. Es wurde eine eigene
Copyleft-License20 erarbeitet und die
Besucher/innen eingeladen, Kopien herzustellen oder zu entnehmen:
Arbeiten
wurden auf KlettverschlussbŠndern angebracht, sodass leicht Kopien entnommen
bzw. die Arbeiten abgenommen, kopiert und wieder aufgehŠngt werden konnten. Auf
einem Computer contŽn Dateien (etwa auch Filme von Platoniq.net) auf CD
gebrannt, Bilder ausgedruckt werden etc. Es wurde auch ein ÔPonchoÕ entworfen -
er Òhatte viele aufgenŠhte Taschen, die man sich mit den beim Anschauen der
Ausstellung gesammelten Dingen fŸllen konnte. Die Idee fŸr den Poncho ist
angelehnt an die Decken, auf welchen die illegalen Einwanderer in Spanien ihre
Raub-CDs und andere Waren am Strand anbieten und sollte nochmals dieses
Nomadische, Mobile der Ausstellung betonen. Diese Decke als
eine
Ikone des RaubgeschŠftes haben wir in AIRE INCONDICIONAL sozusagen als Katalog
zur Ausstellung verkauft. Die Besucher/innen mussten den ÔKatalogÕ aber selber
fŸllen.Ó21
Publikums-Konzept,
…ffentlichkeitsbegriffe
Das
Projekt wendet sich einerseits im Sinne des Vernetzungsziels an ein selbst in
den Bereichen digitale Medien und Migrationspolitik aktives, zum Teil
aktivistisches ÔPublikumÕ; im weiteren Sinn an ein bereits sowohl politisch
interessiertes als auch grundsŠtzlich mit Fragestellungen von Ôtactical mediaÕ
vertrautes Publikum, dem es ZugŠnge zu ÔsŸdeuropŠischenÕ AnsŠtzen und Projekten
eršffnet. Dem entsprechen die Ausstellungsorte Shedhalle, Espace Forde und
plug.in, sowie der Squat in der ZŸricher RŸdigerstra§e, in dem ein Teil der
Workshops und Veranstaltungen stattfand.22
StŠrkung/Entwicklung
des Bereichs
Eine
StŠrkung/Entwicklung des Bereichs ist vor allem durch die auf mehreren Ebenen
anvisierte Vernetzung zu sehen, wobei in Bezug auf sŸdeuropŠische ÔSzenenÕ auch
der Aspekt der SelbstverstŠndigung und Selbstreflexion relevant erscheint. Eine
StŠrkung des Bereichs ist darŸber hinaus in der Erhšhung des Bekanntheitsgrades
der einzelnen Gruppen / KŸnstler/innen und vor allem in Bezug auf Spanien im Sichtbarmachen
einer (auch au§erhalb von Barcelona23)
Ÿber einzelne Initiativen hinausgehenden kŸnst- lerisch-politischen,
migrantische Themen fokussierenden ÔSzeneÕ zu sehen.
Innovation
/ Modellhaftigkeit
Innovation
und AnsŠtze von Modellhaftigkeit sind zum einen auf der Ebene des
Ausstellungsformats zu erkennen. Die Ausstellung folgt grundsŠtzlich - mit
dialogischen und partizipativen Elementen, Demonstrationen, einem mobilen
Ausstellungsteil, den KŸnstler/innen, die die kleine Tour durch Schweizer StŠdte
begleiten und dem Ziel Òto bring activism directly to the people and facilitate
local discussions on topicsof worldwide interestÓ24 - einem zeitgemЧen flexiblen Format. Als innovatives
Element erscheint dabei die Kombination mit dem Copyleft-Ansatz, sowohl auf
inhaltlich-politischer Ebene als auch bezŸglich konkreter praktischer Lšsungen,
wie etwa der erwŠhnten HŠngung der Arbeiten auf KlettverschlussbŠndern, was
sowohl die Kopierbarkeit der einzelnen Arbeiten als auch eine hohe MobilitŠt
ganzer Ausstellungsteile
ermšglicht.Innovation
ist zum anderen auf thematischer Ebene gegeben durch das Herausarbeiten von
Medientaktiken,
die
aus Òeinem spezifisch sŸdeuropŠischen Kontext hervorgegangen sindÓ25. Hier ist zwar grundsŠtzlich die Definition
dieses Ôspezifischen KontextesÕ auch kritisch zu betrachten und die Gefahr der Festschreibung
einer als einheitlich identifizierten Region zu problematisieren, wenn etwa im
Projektkonzeptder ÒHintergrund der sŸdeuropŠischen Geschichte und KulturÓ26 angesprochen wird. Derartig totalisierend-schlie§ende
Elemente sind allerdings in der konkreten Realisierung des Projekts nicht zu erkennen.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit
ist primŠr auf drei Ebenen gegeben: 1) durch die Vernetzung, 2) durch den mit
der Erhšhung des Bekanntheitsgrades auch erweiterten Benutzer/innenkreis von in
der Ausstellung prŠsentierten Tools (primŠr der freien Software) und der
speziell fŸr die Ausstellung erarbeiteten Copyleft- License, mit der Ÿber die
bestehenden englischsprachigen hinaus eine leicht verstŠndliche Lizenz in anderen
Sprachen (realisiert in Spanisch und Deutsch) erarbeitet werden sollte - die
dann sehr schnell, vor allem in Lateinamerika, Anklang fand27, 3) durch die kontinuierliche Weiterarbeit am
innovativen Ausstellungsformat durch die Kurator/innen Susana Noguero und
Olivier Schulbaum bzw. die Gruppe
Platoniq.net,
etwa im Projekt SUBKULTOURIST28.
hinausreicht.
24 Evaluationsreview von Nicole
Emmenegger, im vorliegenden Band, S. 195
25 Projektkonzept, a.a.O.
26 Projektkonzept, a.a.O.
27 Interview mit Susana Noguero und
Olivier Schulbaum, gefŸhrt von Kora Rot; im vorliegenden Band, S. 137
28 Interview mit Susana Noguero und
Olivier Schulbaum, gefŸhrt von Kora Rot; im vorliegenden Band, S. 138