Das große Saugen
von KIRSTEN RIESSELMANN
Platoniq sammeln copyrightfreie Musik und machen das CD-Brennen zu einem sozialen
Event, ubermorgen.com unterwandern die Werbegeschäfte von Google. Beide
Künstlergruppen sind für den Transmediale-Award nominiert, der heute
vergeben wird
Viel Schönes kann man erleben, wenn man die für den Transmediale-Award
nominierten Arbeiten unter die Lupe nimmt. Man kann in einem Expeditionszelt
sitzen und mit einer Kamera an der Leine in unterirdischen Eisbergen nach poetischen
Bildern angeln. Man kann durch Rufen, Trampeln und Händeklatschen Eric
Saties Minimal-Music-Stück "Vexations" remixen. Oder das auf
eine Modellstadtlandschaft projizierte Echtzeit-Treiben auf der Schönhauser
Straße beobachten.
Das alles macht Spaß, ist interaktiv und sieht super aus. Bei zwei für
den Award nominierten Projekten aber geht es um mehr - um ein politisierteres
Verständnis von Kunst mit Medien, um die große Fragen nach Kapitalismus
und Subversion.
Die Gruppe Platoniq aus Barcelona ist mit ihrer "Burnstation" nach
Berlin gekommen - ein silberner Wagen, ausgestattet mit Rechnern, Monitoren,
Boxen und Brennern. Hier klickt man sich mit Kopfhörern auf den Ohren durch
ein Musikarchiv, trifft eine Auswahl und brennt den eigenen Sampler auf bereitliegende
Rohlinge. Und muss sich nicht fürchten, dafür gleich in den Knast
zu wandern: Platoniq haben eine Open-Source-Datenbank gebaut, auf der sie ausschließlich
copyrightfreien Content von Netlabels und -radios sammeln. Den stellen sie kostenlos
und ganz legal zur Verfügung, als "eine Alternative zum Digital Rights
Management", wie Olivier Schulbaum von Platoniq sagt.
Seit zweieinhalb Jahren sind Platoniq mit ihrer "Burnstation" unterwegs,
um an immer neuen Orten Kontakt zur örtlichen Szene, zu Label-Betreibern
und Musikern aufzunehmen. In Madrid, in Halle, in Medellín und Buenos
Aires haben sie schon Station gemacht. "Wir bauen eine Brücke zwischen
Netz- und Straßenkultur", so Schulbaum. Die "Burnstation"
überführt kulturelle Praktiken, die eigentlich jeder allein zu Hause
vor seinem Computer betreibt, in den sozialen Raum. Sie ist nicht nur Archiv,
sondern auch ein Diskussionsort - und mit ihren eingebauten Boxen auch noch
ein Soundsystem, mit dem sich Spontanpartys feiern lassen, auf der Straße,
in Bahnhöfen, unter Brücken.
Die Platoniqs stecken dabei in der Rolle der Moderatoren, Techniker, Sammler
und Pädagogen. Bereitwillig erklären sie das Prinzip von "Burnstation"
immer wieder, erzählen den Leuten auf der Straße und auf Medienkunstfestivals
von Copyright und Copyleft, von den Problemen mit den Creative-Commons-Lizenzen,
von Open Source und Peer-to-Peer-Netzwerken.
Auf den ersten Blick gibt sich das Projekt "Google Will Eat Itself (GWEI)"
der Gruppe ubermorgen.com etwas zugeknöpfter. In der Akademie-Lounge flimmert
nur die Website www.gwei.org auf einem Monitor vor sich hin. Sie ist ein Statthalter
für das Projekt, mit dem ubermorgen.com das Großunternehmen Google
in eine von ihm selbst gebaute Falle laufen lassen will. Hans Bernhard, die
eine Hälfte von ubermorgen.com, erklärt: "Es geht uns darum,
das absolute Monopol von Google vorzuführen. Denn Google ist ein Synonym
geworden für ,Suche', ,Interface', ,Dienstleistung' und ,Information'.
So einen Giganten kriegst du nur durch die subversive Strategie parasitären
Verhaltens in die Knie. Wir sind so ein Parasit, wir saugen Google von innen
her aus."
Das funktioniert so: Google verdient vor allem damit Geld, kontextabhängige
Werbeplätze auf Websites (AdSense) zu vermitteln. Werbung von Motorola
etwa platziert Google auf der Seite eines Werbeplatz-Anbieters, auf dessen Seite
es um Handys geht. Google ist also nur Mittler, kassiert Geld vom Werbekunden,
zahlt aber auch an ebenjene Website-Betreiber, die AdSense auf ihrer Seite zulassen
- bis zu einem Dollar pro Klick auf den Werbelink. Und hier dockt GWEI an: als
ein komplexes Programm, das Google Klicks auf AdSense vorgaukelt. Und Google
zahlt. Monatlich trudeln Schecks bei ubermorgen.com ein. Und die Künstler
reinvestieren sofort: in Google-Aktien. Das Ziel ist: Irgendwann Google komplett
zu besitzen. Nach derzeitigen Berechnungen wird das noch 3.443.287.037 Jahre
dauern, aber der Anfang ist gemacht: GWEI hält zurzeit 45 Google-Aktien.
Im Vergleich zu früheren Projekten - 2000 riefen ubermorgen.com US-Wähler
zur Versteigerung ihrer Stimme auf und holten sich Anwälte, CIA und CNN
an den Hals - ist "Google Will Eat Itself" ein bisschen leiser, nicht
ganz so spekta- kulär: "Es ist ein reines Konzept-Piece", sagt
Hans Bernhard. Und seine Partnerin Lizvlx ergänzt: "Wir führen
den Geldmarkt als konsensuelle Halluzination vor. Eine Google-Aktie kostet momentan
400 Dollar - aber das ist sie einfach nicht wert! Wir kaufen also Nicht-Wert
mit Nicht-Wert."
Solange Google noch hilflos nach einer Methode sucht, GWEI das Handwerk zu legen,
sollte sich keine Marx-Lesegruppe diesen schönen Anschauungsunterricht
entgehen lassen.
Heute, 13 Uhr: Präsentation der nominierten Transmediale-Arbeiten; 20 Uhr:
Preisverleihung, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10
taz Berlin lokal Nr. 7890 vom 6.2.2006, Seite 23, 172 TAZ-Bericht KIRSTEN RIESSELMANN
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